Großes Saisonopening am Balkon, ich genieß das Aufräumen, packe das Laub vom Winter und einen Teil der Abdeckungen in Säcke, stelle die Töpfe wieder an exponiertere Stellen, wo mehr Wind aber auch mehr Sonne ist, und versenke schon ein paar Zwiebeln und Samen für den Sommer in der Erde. Erstaunlicherweise blüht schon was in einem meiner „wilden“ Töpfe (die überlasse ich den Pflanzen, die sich von selber dort ansiedeln). Keine Ahnung, was das für ein Blümchen ist, aber ich freu mich drüber.

Erstes Blümchen


P1020952nochdreitulpenJeden Tag bin ich jetzt wieder draußen und inspiziere den Fortschritt der Knospen und Sprossen. An der Forsythie (die legen sich jetzt ins Zeug), am Ribiselstrauch (der lässt sich wie immer Zeit), und an den kleinen Bäumchen, die in einem anderen wilden Topf wachsen. Ich mag diese Jahreszeit, in der ich jeden Tag Veränderungen beobachten kann, wenn ich mir die Zeit nehme. Manchmal zähle ich nach, wie viele Tulpen schon aus der Erde schauen. Ich hab sie ziemlich spät gepflanzt, ich glaub es war schon Anfang Dezember. Deshalb haben sie sich nun etwas bitten lassen, aber jetzt sind schon fast bei allen Zwiebeln Blätterspitzen sichtbar.

Ich bin schon so gespannt auf die Tulpen. Das sollten so wild gefiederte und gemusterte Exemplare werden. Und beim Betrachten der Fotos fällt mir auf, dass sie in diesem Stadium auch einigermaßen interessant aussehen. Wie nennt man eigentlich das Gegenstück zu phallisch? Klitoral?P1020953_tulpeeinzeln


P1030039_tulpenwahn_dash

Jetzt wäre jedenfalls eine gute Zeit, um dieses Buch zu lesen: Mike Dash: Tulpenwahn. Die verrückteste Spekulation der Geschichte. List TB. Da bleiben keine Fragen mehr zur Geschichte der Tulpen offen, so mensch welche hatte. Zuerst gibt es eine ausführliche Erörterung der Verbreitungsgeschichte: Die Wildformen der Tulpen stammen aus dem Steppen und Hochtälern nördlich des Himalaya, dem Pamirgebirge und den Tien Shan-Bergen,

„dort, wo China und Tibet in einer der unwirtlichsten Gegenden der Erde auf Rußland und Afghanistan stoßen. Diese wilden Blumen waren relativ schlichte und kompakte Blumen, deren schmale Blütenblätter nur wenige Zentimeter über dem Erdboden auf kurzen Stengeln saßen (…) Aber sie waren unempfindlich gegen Frost und sehr gut geeinet, die rauhen Winter und trockenen Sommer in Zentralasien zu überstehen. Sie blühten überwiegend in einem leuchtenden Rot, das an Blut oder die Uniformen von Soldaten erinnerte, und wurden von den kriegerischen Stämmen, die diese öden Gebiete bevölkerten, verehrt.“

Die Seldschuken brachten die Blumen in das Gebiet der heutigen Türkei, wo sie im osmanischen Reich große kulturelle Bedeutung erlangten.

„Von allen Blumen eines muslimischen Gartens erachtete man die Tulpe als die heiligste, (…) (sie) wurde im wörtlichen Sinn als Blume Gottes angesehen, weil in der arabischen Schrift die Buchstaben, aus denen sich lale, das türkische Wort für >Tulpe< zusammensetzt, dieselben sind, die auch >Allah< bilden. Die Tulpe galt auch als Sinnbild der Bescheidenheit vor Gott: Voll erblüht beugt sie ihr Haupt.“

Mike Dash beschreibt in einer schönen, blumigen (!) Sprache die Wanderung der Tulpen nach Europa und ihre Kultivierung. Den Hauptteil des Buches nimmt aber die Schilderung der Umstände ein, die zu den wahnwitzigen Spekulationen mit Tulpenzwiebeln im Holland des 17. Jahrhunderts führten, und dem folgenden Börsencrash im Jahr 1637, der zu einem kompletten Wertverfall der Zwiebeln führten – eine Tulpenblase, wie man heute sagen würde. Sehr interessant sowohl in kultur- als auch wirtschaftshistorischer Perspektive. Bleiben wir aber zum Schluss im Hier und Jetzt, wo es um Frühlingserwachen in einem bergigen Land geht:

„Die trostlose Umgebung muß die schlichte Schönheit dieser einfachen Wildblumen mit ihren gelb, orange oder zinnoberfarbenen Blütenblättern erst recht zur Geltung gebracht haben, und für die Nomaden, die einen weiteren eisigen Winter überstanden hatten, bedeuteten die ersten Tulpen im Jahr mehr als bloß schöne Farbflecke in der Wildnis. Sie repräsentierten Leben und Fruchtbarkeit und waren die ersten Vorboten des nahenden Frühlings.“

Mike Dash: Tulpenwahn. München: List TB 2001.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s