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„All the secrets in the world worth knowing are hiding in plain sight.“

Wieder ein Buch über eine süße, verstaubte, alte Buchhandlung! Das denke ich mir beim Lesen des Titels und der ersten paar Seiten. Aber. Dann wird bald klar, dass es sich hier nicht um eine der derzeit massenhaft verlegten Titel über die Liebe zu kleinen feinen Buchhandungen ist. Ich muss vorausschicken, dass ich kleine, feine, verstaubte Buchhandlungen liebe. Aber die Bücher über sie sind oft bestenfalls nett, wenn nicht schematisch (Etwa so: Engagierte Person schafft es, eine kleine Buchhandlung vor dem Konkurs zu retten, dank idiosynkratischer, kreativer Einfälle und sagenhaft liebenswert verschrobener Helferlein und/oder Kundencommunity).

Aber diese Geschichte läuft ein bisschen anders ab. Clay Jannon, der nach Jobs in der kreativen Internetbranche arbeitslos ist, übernimmt die Nachtschicht in einem (Vorsicht!) kleinen verstaubten Buchladen in San Francisco. Aber das ist eben nur der Anfang. Eine geheime Gesellschaft und ein großes Rätsel tauchen auf, und ein Harry Potter-eskes Abenteuer nimmt seinen Lauf. Dabei verwendet Clay aber keine Zauberstäbe, sondern Computer und Programmiersprachen, und seine Helfer sind FreundInnen aus der Hacker- und Programmierszene. Sogar Googles firmeneigene Infrastruktur wird zur Verfügung gestellt. Clay hat keine Angst vor der digitalen Welt, ist aber dennoch von alten Büchern fasziniert. Sooft man heute in der Buchbranche das Gefühl eines Abwehrkampfes hat, so wenig Berührungsängste zeichnen den Autor bzw. seine Figuren aus. Er hat ja seine ersten Werke zunächst als e-books auf einer gewissen monopolisierenden Handelsplattform veröffentlicht. Hier eine Szene, in der Clay den Bücherscanner von Google besichtigt:

„A tall Googler named Jad runs the book scanner. He has a perfectly triangular nose over a fuzzy brown beard. He looks like a Greek philosopher. Maybe it’s just because he’s wearing sandals.

„Hey, welcome,“ he says, smiling, shaking Kat’s hand, then mine. „Nice to have somebody from data viz in here. And you…?“ He looks at me, eyebrows raised.

„Not a Googler,“ I confess. „I work at an old bookstore.“

„Oh, cool,“ Jad says. Then he darkens: „Except, I mean. Sorry.“

„Sorry for what?“

„Well. For putting you guys out of business.“ He says it very matter-of-factly.

„Wait, which guys?“

„Book…stores?“

(…)

Jad continues, „I mean, once we’ve got everything scanned, and cheap reading devices are ubiquitous … nobody’s going to need bookstores, right?“ (p.89)

Dass sich das Rätsel schließlich nicht mittels noch so viel Rechnerleistung lösen lässt, ist vielleicht ein Plädoyer für das Anwenden der eigenen Kombinierfähigkeit und herkömmlicher analoger Methoden. Dass Clay und Mr. Penumbra am Ende den Buchladen schließen und stattdessen zusammen ein StartUp gründen, ist vielleicht ein Hinweis darauf, dass es auch keinen Sinn macht, sich neuen Entwicklungen zu verschließen. Eine stimmige Geschichte. Wie es wohl mit den anderen kleinen sympathischen Buchläden weitergeht? Ich helfe gerne dabei, sie weiterhin mit Leben zu füllen, indem ich mein Geld dort lasse.

Robin Sloan: Mr. Penumbra’s 24-Hour Bookstore. London: Atlantic Books 2013.

Dt. Ausgabe: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra. München: Blessing Verlag. Die deutsche Taschenbuchausgabe erscheint im September 2015 bei Heyne.

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4 Gedanken zu “Der Rund um die Uhr-Buchladen

  1. Da juckt es mich doch glatt in den Fingern, mal wieder in meine kleine verstaubte Buchhandlung zu gehen und eine Bestellung aufzugebn. Es kommtzumindest auf „die Liste“. Danke für die Besprechung. 🙂

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