Was passiert, wenn ein perfekt funktionierendes Mädchen sechs lange Sommerwochen auf sich allein gestellt ist, weil die Eltern eine Weltreise machen? Wird sie Tag und Nacht für den Klavierwettbewerb üben, die Azaleen gießen und rechtzeitig ins Bett gehen? Das hat Kiri jedenfalls vor. Aber dann kommt ein Anruf, der alles auf den Kopf stellt…

Ich quäle mich immer wieder durch Jugendbücher, um in der Buchhandlung etwas zu empfehlen zu haben. Mit der Betonung auf quälen. Diesmal war es keine Qual, denn der Roman hat mich  gefesselt und berührt. Hilary T. Smith ist als Bloggerin namens Intern bekannt geworden, die ihre Einblicke in die Buch- und Medienbranche weitergibt. Sie lebt mit ihrem techie boyfriend ein nomadisches Leben in Waldhütten und Campingbussen. Und dem Buch merkt man an, dass sich hier keine Englischlehrerin mit pädagogischen Hintergedanken in einem Roman verwirklicht hat.

Kiri, die ca. 16jährige Hauptfigur von Hellwach, sieht sich nach und nach herausgefordert, einige wesentliche Pfeiler ihres Lebens zu überdenken und/oder wegbrechen zu sehen: Die Kulissen, die ihre Eltern um den Tod ihrer älteren Schwester aufgebaut haben; das disziplinierte begabte Mädchen, das sie selbst jeden Tag darstellt; die Verliebtheit in ihren Bandkollegen, der sich dann doch nicht so für sie interessiert; die ganzen Ideen, wie man ihren Eltern zufolge sein Leben leben soll.

Kiri entdeckt, wie schön es ist, nachts mit dem Fahrrad durch die Stadt zu fahren, sie macht einige Erfahrungen mit Drogen und psychischen Ausnahmezuständen, sie tritt mit ihrer Band auf, sie liebt und tanzt nackt unter den Sternen, und die Autorin lässt keine moralische Keule am Ende der Geschichte warten. Ziemlich viel geht schief, aber alles wird wieder irgendwie gut, ohne dass jemand groß bestraft werden muss.

Ich habe mich in die Art verliebt, wie Hilary T. Smith heftige Erfahrungen mit der Welt beschreibt, voller Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit, sie baut Details gegenwärtiger Jugendkultur ein, sie findet zarte, schöne Beschreibungen für die Annährung zwischen zwei Menschen, den ersten Kuss, den Moment, wo man zum ersten Mal die Wohnung des Geliebten betritt.

„Mir fällt wieder mal auf, wie groß Skunk ist. Er ist wie ein Brontosaurus oder ein Bison oder ein Bulldozer, irgendein Wort eben, das stark und fest klingt. Außerdem riecht er immer noch wie etwas, das draußen in der Sonne im Grünen gestanden hat, obwohl es seit 24 Stunden regnet. Ihm klebt ein winziges Stück Rosmarin an der Stirn. An seinem Handgelenk sind Spuren von Kettenöl.

Ich fühle einen Flügelschlag lang etwas wie Angst, dann breitet plötzlich Gewissheit ihre Schwingen in mir aus. „Ich würde dich gern küssen“, flüstere ich. „Aber ich habe anscheinend eine Katze auf dem Arm.““

Smith lässt Kiri ganz selbstbewusst und spielerisch als Verführerin auftreten, die sich von den Unwägbarkeiten des Lebens nicht abschrecken lässt. Sie zeigt die vielen ersten Male, das Ausprobieren, und das ohne all die übertriebenen Scham- und Angstgefühle, die solche Themen oft begleiten.

Die Übersetzung von Jenny Merling ist sprachlich sehr fein. Nur an einigen wenigen Stellen hätte sich das Lektorat bzw. die Übersetzerin ein bisschen mehr über Jugendkultur informieren sollen: Mellon Collie And The Infinite Sadness ist der Titel eines (Doppel)Albums des Smashing Pumpkins, nicht von zweien. Und das als „Mitternachtsmesse“ übersetzte Ereignis, bei dem sich Radfahrer treffen, um gemeinsam durch die nächtlichen Straßen der Stadt zu fahren, hat wohl eher nichts mit einem Gottesdienst zu tun, sondern mit der Critical Mass-Bewegung, der es um die Präsenz von RadfahrerInnen im öffentlichen Raum geht.

Egal. Eine riesige, herzenswarme, durch-die-Nacht-radelnde-und-unter-den-Sternen-tanzende Empfehlung für dieses Buch.

Hilary T. Smith: Hellwach. Fischer FJB 2015. 367 Seiten, ca. € 15.-.

Alter: ca. ab 14

Coverabbildung (c) Fischer FJB

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