Kleine Buchhandlung, Spätwintertag, gegen Abend. Die ruhige halbe Stunde, bevor kurz vor Ladenschluss die hektischen LetztminutenkundInnen hereinstürmen. Ein sympathischer, gutaussehender Mann tritt ein, und fragt nach dem neuen Buch, das gestern in der bekannten deutschen Literatursendung besprochen wurde, die ich natürlich nicht gesehen habe. Es wurde nicht nur rezensiert, sondern hymnisch gelobt, sagt er. Peinliches Suchen nach dem Buch, wir haben es nicht bestellt, da eine Kollegin dem Autor gewisse Ressentiments entgegenbringt. Die Auslieferung zeigt mir an, dass das Buch im Nachdruck ist – das heißt oft, dass es absolut unklar ist, ob das Buch jemals wieder neu zu haben sein wird. In diesem Fall – wenige Tage nach Erscheinen – bedeutet es aber, das es so erfolgreich ist, dass die erste Auflage bereits ausverkauft ist. Der Nachdruck ist also sicher. Der Dank des Verlags geht an die Literatursendung.

Der schöne Mann bestellt das Buch, und wird von mir benachrichtigt werden, wenn es eintrifft. Er hätte auch angeboten, das Rezensionsexemplar zu kaufen, das ich unvorsichtigerweise erwähnt habe. Es stand bisher ungelesen im Rezensionsexemplare-Regal. Durch sein Lob neugierig geworden nehme ich es mit nach Hause und stürze die Geschichte in zwei, drei Abenden hinunter.

Ich bin recht begeistert von den ersten Kapiteln, die eine schwierige Kindheit und Jugend schildern. Schöne Sprache, schöne Bilder, Emotionen, die ich so noch nicht gelesen habe. Besondere Verstrickungen zwischen einer Handvoll Menschen. Ein einsamer Hauptprotagonist, ja, das ist nichts Neues. Aber es ist schön geschildert.

Irgendwann in der Mitte beginnt das Buch leider zu kippen. Sowohl Handlung als auch Sprache gleiten immer wieder in Plattheiten und Gemeinplätze ab. Etwa hier: Zwei Männer im Keller, der eine zeigt dem anderen seinen Waffenschrank und droht ihm dabei, die Finger von seiner Frau zu lassen. Das ist eine recht lächerliche Szene. Leider wirkt nicht nur die Figur lächerlich, sondern auch die Gestaltung der Situation. Dass der eine Mann die Waffe später mithilfe des anderen gegen sich selbst richtet, ändert nichts an dieser grotesk-banalen Szene. So in der Art, wenn in der ersten Viertelstunde eines Theaterstücks eine Waffe vorkommt, wird sie in der zweiten Hälfte abgefeuert werden…

Ich weiß es nicht. Bin ja nur Buchverkäuferin, und keine Literaturkritikerin. Aber es gibt Bücher, die sind besser durchgehalten. Ich würde keiner Kundin von dem Buch abraten, es hat sehr schöne Teile. Aber ein vielverkauftes Lieblingsbuch wird es leider nicht werden. Literatursendung und schöner Kunde hin oder her.

Benedict Wells: Vom Ende der Einsamkeit. Diogenes Verlag 2016, 368 Seiten, € 22,70 (AT).

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