Ein schmales, unauffälliges Bändchen. Das Coverbild im weißen Diogenes-Design eher naja, eine blaue Matratzenoberfläche mit Rosenmuster. So ein Stoffmuster, das einem beim Stöbern auf dem Flohmarkt auffällt wegen seiner Kuriosität, das man aber dann doch nicht nimmt, weil es einen Hauch zu daneben ist.

Beim ersten Lesen hab ich dieses Bändchen auch gleich wieder  weggelegt. Wahrscheinlich hat mich jemand unterbrochen, denn beim zweiten Anlauf war ich sofort komplett gefesselt von der knappen und intensiven Art des Erzählers, von der Eindringlichkeit der Geschichten, die hier in bester short story-Manier gebaut werden.

Tim Krohn schildert in kurzen Episoden die Odyssee einer Matratze durch das 20. Jahrhundert. Dabei stellt dieses Artefakt die Verbindung her zwischen den eher mehr als weniger tragischen Lebensgeschichten und Erlebnissen verschiedener Figuren, die wir jeweils nur wenige Tage oder Stunden begleiten. Diese Kurzgeschichten greifen wunderbar ineinander und bilden so eine Erzählung. In der letzten Episode schließt sich unerwartet der Kreis, und nicht nur der Lebenszyklus der Matratze findet damit eine Art Vollendung.

Dabei vermögen diese kurzen Einblicke tief zu berühren, die Charaktere sind in aller Kürze, aber sehr eindringlich gezeichnet.

Das war ein Liegen, wie sie es kaum noch kannten, nichts drückte, nichts schmerzte, auch ihre Körper schmiegten sich ganz weich aneinander. „So fühlt es sich an, ein Mensch zu sein“, erinnerte sich Simon Pistorius, „ich hatte das schon beinahe vergessen.“ 

Große Empfehlung für einen zauberhaften Leseabend.

Tim Krohn: Aus dem Leben einer Matratze bester Machart. Diogenes Taschenbuch 2015. 97 Seiten. € 10,30 (AT)

2 Gedanken zu “Tim Krohn: Aus dem Leben einer Matratze bester Machart

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