Ich hab überlegt, ob ich zu diesem Buch überhaupt eine Rezension schreiben soll. Eigentlich, denk ich mir, lohnt sich das doch nur bei Büchern, die sehr gut sind, und die ich empfehlen will – oder bei solchen, die sehr viel diskutiert werden: Da möcht ich dann auch meinen Senf dazu geben. In dem Fall trifft beides nicht zu. Aber an dem Buch hat mich ziemlich viel irritiert, und das würde ich gern mit euch teilen.

„Verliebt in sieben Stunden“ war in Italien ein Bestseller. Das hat möglicherweise damit zu tun, dass der Autor Giampaolo Morelli ein bekannter Schauspieler ist. Die Geschichte ist schnell erzählt – ein braver Journalist erwischt seine Verlobte beim Sex mit seinem Vorgesetzten, daraufhin ist er Frau und Job los. Die einzige Stelle, die er nach einem Selbstmordversuch kriegen kann, ist bei einem Wochenblatt für Männer namens Macho Man. Er soll statt Wirtschafts­reportagen jetzt einen Bericht über Pickup-Artists schreiben, und landet in einem entsprechenden Kurs, der von einer wunderschönen Frau geleitet wird. Er ist natürlich skeptisch, lässt sich dann aber auf das volle Programm ein, um seine Freundin zurückzugewinnen.

An dem Buch hat mich von Beginn an gewundert, dass Inhalt und Verpackung so gar nicht zusammenpassen wollen. Die Covergestaltung – pastellig, verspielt, hübsch – ist ganz klar auf eine junge weibliche Zielgruppe zugeschnitten – wahrscheinlich hat Morelli in Italien auch viele weibliche Fans. Allerdings ist die Erzählperspektive und auch die Weltsicht, die im Buch vertreten wird, eine sehr spezielle männliche – und zwar eine, mit der sich Frauen wohl kaum identifizieren werden können.

Frauen werden in dieser vor allem in den USA verbreiteten „Denkschule“ auf einer Skala von 1 bis 10 nach Attraktivität bewertet, und als atavistischen Reizen gehorchende Tiere angesehen, die mittels bestimmter Techniken (Sprich mit ihrer hässlichen Freundin! Ignoriere sie! Beleidige und verunsichere sie!) zu Fall gebracht werden sollen. Ziel ist es, auf dieser Skala möglichst „hoch“ bewertete Frauen ins Bett zu bekommen. Dahinter steht ein Konglomerat an Frauenhass und Enttäuschung von Männern, die sich auf irgendeine Weise zu kurz gekommen gekommen fühlen. Ihnen wird in den Kursen Selbstwert eingeredet, der allein auf dem Besitz eines Penis beruht (Wer sich das mal geben will, kann im Film „Magnolia“ Tom Cruise in seiner besten Rolle dabei zusehen, wie er als aalglattes Arschloch seinen Zuhörern beibringt, den Slogan „Respect the cock!“ zu rufen und zu verinnerlichen.), und ein vermeintlicher Ausweg verkauft.

Im vergangenen Februar gab es einen Aufschrei in den sozialen Medien, nachdem ein marketingbegabter Pickup-Artist (ich nenne den Namen absichtlich nicht) zu weltweiten gleichzeitigen Aufriss-Treffen aufgerufen hatte. FeministInnen reagierten empört, es gab Gegendemonstrationen, und die Veranstaltung wurde abgesagt. Der Pickup-Artist hatte sein Ziel erreicht: Werbung. Wie Matt Broomfield in einem Artikel für vice.com schreibt:

Sein Ziel ist es nämlich nicht, junge Männer gegen die unterdrückenden Kräfte der weiblichen Selbstermächtigung zu vereinen, sondern aus dem Bedürfnis junger weißer Männer Kapital zu schlagen, sich als Teil einer unterdrückten Gruppe zu fühlen.

In der Realität gibt es eine ganze Reihe von Gründen, warum Männer nicht im Bett landen: Entweder fallen sie aus dem Raster der durch das Patriarchat durchgesetzten Attraktivitätsnormen oder sind sexistische Arschlöcher.

Nach der Ideologie der PUAs muss jedoch der Feminismus herhalten, um die sexuellen Misserfolge zu begründen. Von einer feministischen Verschwörung ist da die Rede, und in Einhelligkeit mit u.a. der Männerrechtsbewegung wird von Männerunterdrückung gesprochen. Der PUA

macht sich dieses verblendete Sehnsucht nach Leiden zu Nutze, um Einstellungen zu verbreiten, die Frauen, herabgewürdigt (sic), marginalisiert und schlägt. Auf der anderen Seite lässt die gleiche Einstellung sexuell frustrierte Männer noch wütender auf Frauen werden, als sie eh schon sind—und dementsprechend auch eher seine Bücher kaufen.

Auch wenn in diesem Buch eine etwas harmlosere Variante dargestellt wird: Der anfänglich skeptische Paolo wird bekehrt, befolgt die Ratschläge und erobert seine Ex zurück. Das Buch bescheinigt den Methoden vollen Erfolg und dient als Einfallstor für die dahinterstehenden Ideen. Und vielleicht will der Verlag ja auch ein wenig am oben beschriebenen Kuchen mitnaschen?

Da ändert es auch nichts mehr, dass die Kursleiterin Valería eine verletzte Seele ist, die aus ihrem vermeintlichen Wissen um die niederen Instinkte in zynischer Weise Kapital schlägt, sich selbst aber völlig der Liebe (und dem Sex) verschließt. Natürlich nur, bis unser Held auftaucht. Das romantische Happy End kommt folglich ohne Pickup-Techniken zustande, die Liebe geht dann laut Morelli doch ganz andere Wege. Bei den männlichen Protagonisten ringsum tragen die Methoden jedoch jede Menge Früchte. Ein 189-seitiger Werbetext also, für menschenverachtende Techniken, welche Frauen zu manipulierbaren Objekten der Lustbefriedigung degradieren.

Die italienischen YouTube-Videos zum Buch sind an Männer gerichtet: Der Autor gibt einem schüchternen Informatiker Unterricht im Frauen-Aufreißen. Wie merkwürdig von Deuticke, so etwas als Frauenliteratur vermarkten zu wollen. Was für eine merkwürdige Entscheidung, überhaupt so ein Buch zu machen, das PUAs in der Mitte der Gesellschaft ankommen lassen soll. Ich wünsche mir sehr, dass diese Strategie in die Hose geht. Oder – Moment – ist es gar als subversives Aufklärungsbüchlein für Frauen gedacht, um sich gegen derartige Strategien zu wappnen?

Giampaolo Morelli: Verliebt in sieben Stunden. Deuticke 2015. 189 Seiten, ca. € 15,-

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