Am Strand ein Mann und eine Frau. Sie blond und elegant in einem grünen Bikini, obwohl es Mai war in Maine und kalt. Er ein Hüne, strahlend und lebendig; in ihm flackerte ein Licht, das den Blick gefangen nahm und nicht mehr losließ. Sie hießen Lotto und Mathilde.

„Wie soll ich ein Buch verkaufen, das erst in der Mitte wirklich spannend wird?“ fragt mich ein Buchhändlerkollege. Naja, indem du sagst, wie es ist: Du brauchst den traumverlorenen, wunderbar rhythmisch erzählten ersten Teil der Geschichte, damit der zweite Teil wie ein Gewittersturm alle Gewissheiten hinwegfegt, die sich im ersten Teil in dir aufgebaut haben. Und natürlich ist es so, dass der erste Teil auch spannend ist. Der zweite Teil ist eben noch besser.

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Groff erzählt eine Liebesgeschichte, oder besser: die Chronik einer Ehe. Entsprechend einer multiperspektivischen Herangehensweise wird diese Geschichte aber zuerst aus der Sicht des Mannes geschildert, und danach aus der Sicht der Frau. Wir erfahren also zunächst von einer mühelosen, wunderbaren Ehe, die schwierige Zeiten durchsteht, und der steilen Karriere des Mannes.

Zwei wunderschöne Sonnenkinder, vom Leben begünstigt, heiraten, und alle rundherum sind ein wenig neidisch, ihre Freunde wetten sogar auf das Datum der Scheidung, da alles zu perfekt scheint. Aber es kommt ganz anders. Genau in der Hälfte des Buches wechselt die Perspektive, und ab da scheint alles dramatisch anders.

Falls ihr noch nicht auf Instagram über dieses Buch gestolpert seid: Ich finde es großartig. Auch wenn es in einem nur allzu gut bekannten Milieu spielt – gebildete weiße Mittelschicht in New York – enthält dieser Roman von Lauren Groff doch eine wunderbare Geschichte. Sie schürft tief in den Leben ihrer Protagonist_innen, in ihren Seelen und Biographien, und fördert Strömungen, Erfahrungen, Beweggründe zu Tage. Sehr eindringlich, sehr fesselnd.

Als sich beim Schwimmen in einem Fluss einmal ein Blutegel an der Innenseite ihres Oberschenkels festsaugte, so dicht an der entscheidenden Stelle, dass es sie förmlich elektrisierte, hatte sie ihn dort gelassen und von früh bis spät an ihn gedacht, ihren unsichtbaren Freund. Als er in der Dusche schließlich abfiel und sie versehentlich drauftrat, weinte sie.

Ich drücke meinen KundInnen das Buch in die Hände: „Sie kommen hier nicht raus, ohne diesen Roman gekauft zu haben!“

Ihr auch nicht.

Lauren Groff
Licht und Zorn
übersetzt von Stefanie Jacobs
Hanser 2016, 432 Seiten, ca. € 24.-
ISBN 978-3-446-25316-2

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