Man liest ja viel über die Liebe im Lauf eines Leserinnenlebens. Romane über Romane, von Jane Austen bis Charlotte Roche, und Sachbücher über Sachbücher, von Erich Fromm bis Eva Illouz. Und jetzt gerade stell ich mir die Frage, aus welchem Genre ich eigentlich mehr mitnehme an Ideen und Einsichten – Eva Illouz hätte da eine gute Antwort darauf, aber das lassen wir jetzt vorläufig außer Acht.

Im Moment muss ich das nämlich nicht entscheiden. Alain de Botton hat eine Art Kombierzählung geschaffen: Am Cover nennt sich das Buch „Roman“, und es enthält auch wirklich die Liebesgeschichte eines Paares, Kirsten und Rabih, die in Edinburgh leben und sich finden, verlieren, finden. De Botton erzählt ganz chronologisch den Ver-Lauf ihrer Liebesgeschichte, die er in Abschnitte unterteilt: Romantik – Ehe – Kinder – Seitensprung – Mehr als romantische Liebe. Immer wieder aber unterbricht er die Erzählung mit kursiv gesetzten, analytischen Absätzen, in denen er psychologisch-philosophisches Wissen in die Geschichte einflicht. Dabei kommt er auf angenehme Weise ohne jegliche Verweise auf Theorien, Studien oder andere AutorInnen aus. Was in einem Sachbuch grob fahrlässig wäre, läuft hier auf eine exemplarische Darstellung seiner eigenen Theorie der Beziehung zwischen Liebenden hinaus. Der englische Titel vermittelt diese schöne Doppeldeutigkeit recht schön: The Course of Love kann ja auch ein Kurs in Sachen Liebe sein. De Botton gestaltet diesen Kurs literarisch, denn er glaubt an die Macht des Romans:

„Ideal wäre es, wenn die Kunst uns die Antworten geben würde, die andere Menschen nicht haben. Dies mag tatsächlich die wesentliche Funktion von Literatur sein: uns zu vermitteln, was die Gesellschaft insgesamt nicht zu erkunden wagt. Wichtig sollten uns Bücher sein, nach deren Lektüre wir uns mit Erleichterung und Dankbarkeit fragen, wie der Autor nur so viel über unser Leben wissen konnte.“

Die Interjektionen lauten dann etwa so:

„Im Kern schlechter Laune liegt eine Mischung von großer Wut und einem ebenso großen Wunsch, nicht mitzuteilen, worüber man so wütend ist, und die widerstreitenden Gefühle sind schwer auseinanderzuhalten. Wer schlechter Laune ist, wünscht sich nichts mehr, als dass der andere ihn versteht, und tut doch nichts dafür, dies zu ermöglichen. Schon die Notwendigkeit, etwas erklären zu müssen, macht den Kern der Kränkung aus: Wenn der Partner eine Erklärung braucht, hat er oder sie diese gar nicht verdient.“

„Schlechte Laune geht auf das Konto einer schönen, aber gefährlichen Wunschvorstellung, die aus unserer frühesten Kindheit stammt: die Hoffnung auf wortloses Verstehen. Im Mutterleib gab es nichts zu erklären. Jedes Bedürfnis wurde befriedigt. Immer wurde Trost zum richtigen Zeitpunkt gespendet. (…) Vielleicht ist das der Grund, warum wir, selbst wenn wir sehr wortgewandt sind, instinktiv lieber keine klare Sprache sprechen, auch wenn unsere Partner uns nicht richtig verstehen. Nur wortloses und zutreffendes Gedankenlesen vermittelt uns das Gefühl, unserem Partner vertrauen zu können; nur wenn wir keine Erklärungen abgeben müssen, meinen wir, wirklich verstanden zu werden.“

Zur Handlung sei soviel verraten: Kirsten und Rabih verlieben sich, heiraten, bekommen Kinder, streiten, driften auseinander, und finden zu einer neuen Form der Beziehung. De Botton beschreibt einen idealtypischen Verlauf, der dezidiert über die romantische Idee von Liebe hinausgeht und eine Alternative aufzeichnet zu Polyamorie-Konzepten, die monogame Beziehungen oft leicht lächerlich erscheinen lassen wollen. Sein Vorschlag beruht letztlich darauf, dass sich die beiden Partner_innen persönlich sehr stark weiterentwickeln, und damit der Beziehung Entwicklung ermöglichen. Ähnliches legt auch David Schnarch in seiner Psychologie der sexuellen Leidenschaft nahe (Danke, die Witze über seinen Namen sind schon alle gemacht), wenn er von der Selbstdifferenziertheit als Grundlage jeder Liebesbeziehung spricht. Letztlich liegt es an jeder Frau und jedem Mann, nachzufühlen und zu prüfen, welche Qualität unsere Beziehungen haben, und welchen Verlauf sie nehmen – anzuerkennen, dass in einem Leben Platz und Zeit ist für unterschiedliche Beziehungen, und sich zu fragen, ob das gerade jene sind, die wir uns wünschen.

Schade, dass das Buch im letzten Viertel – ca. ab der Geschichte mit dem Seitensprung – etwas von seiner Überzeugungskraft verliert. Ich fällt mir ein wenig schwer, festzumachen warum. Die Aussage wird weniger deutlich, ich habe das Gefühl, der Autor ist sich auch nicht mehr ganz so sicher, welcher der richtige Weg für die Liebe des Protagonistenpaares ist.

Am Ende des Buches stehen persönliche Reife und Einsicht in die kleinen, aber wichtigen Dinge des Lebens.

„Ihm wird zum ersten Mal im Leben klar, wie schön Blumen sind. Er erinnert sich, wie er sie als Teenager gehasst hat. Es schien ihm absurd, sich an etwas so Kleinem und so Vergänglichem zu freuen, wo es doch großartigere, bleibendere Dinge geben musste, die den eigenen Ambitionen entsprechen.“

Bei der Lektüre dieses Liebeskurses kann mensch auch etwas über eigene Beziehungsmuster lernen, vielleicht gibt es sogar das eine oder andere Aha-Erlebnis über die klassischen Fallen, in die man so tappen kann. Der literarische Genuss tritt gegenüber den Lektionen in die zweite Reihe zurück. Zusammen sind Erzählung und Erklärung jedoch herzerwärmend und bereichernd. Ich habe das Buch voller Spannung und Freude gelesen, und mir viele schöne Passagen angestrichen:

„Er ist nur ein Gast, der sich selbst für die Welt hält. Er war davon ausgegangen, dass er doch etwas Stabiles wäre, wie die Stadt Edinburgh oder ein Baum oder ein Buch, während er eher wie ein Schatten oder ein Geräusch ist.“

Ihm gelingen einige sehr treffende Bemerkungen zum Eltersein:

„Die Rolle guter Eltern impliziert eine große und hochkomplizierte Anforderung: ständig die Überbringen besonders unerfreulicher Nachrichten zu sein.“

Der Lauf der Liebe: Der Titel impliziert einen idealtypischen Verlauf einer Liebesbeziehung (in diesem Fall eine Ehe zwischen Mann und Frau), den de Botton beschreibt. Unnötig normativ? Vielleicht: Er beschreibt ja nur einen möglichen Weg. Die Liebe nimmt durchaus verschiedene Wege, und die allermeisten verlaufen nicht so, wie sie in diesem Buch beschrieben werden. Es kann natürlich gelingen, es kann so verlaufen, es kann so steinig und schön werden wie bei Kirsten und Rabih. Aber es gibt auch andere Ver-Läufe. Das muss ja nicht bedeuten, dass die Beteiligten den Weg verloren haben.Vielleicht hätte das Buch treffender A Course of Love heißen sollen.

De Botton legt den Leser_innen zum Schluss eine philosophische Sichtweise als Rezept für diese Art von Ehe nahe:

„Jemanden zu heiraten, selbst den noch so passenden Menschen, heißt letztlich zu wählen, für welche Kombination von Leiden wir uns aufopfern wollen. (…) Doch dies muss keine Katastrophe sein. Ein aufgeklärter romantischer Pessimismus geht einfach davon aus, dass ein Mensch nicht alles für einen anderen sein kann. Wir sollten Wege finden, uns möglichst sanft und freundlich mit dem merkwürdigen Leben an der Seite einer gefallenen Kreatur zu arrangieren. Es kann immer nur eine „hinreichend gute“ Ehe geben.“

Das klingt doch wahnsinnig vernünftig, oder? Ich hab mir das alles sehr zu Herzen genommen. Vielleicht lassen sich diese Einsichten ja sogar umsetzen…

Alain de Botton: Der Lauf der Liebe (orig. The Course of Love)
S. Fischer 2016, 286 Seiten, ca. € 20.-

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