Und wieder einmal ist es eine Mutter, die zwar nur in kleinen Szenen auftritt, aber alle Fäden in der Hand hält und an der Wurzel der Ereignisse sitzt. Eine mangelhafte Mutter, die ihre Kinder nicht genug lieben konnte. Den kleinen und großen Nachwirkungen davon spürt Cynthia D’Aprix Sweeney in ihrem Debütroman nach.

Das war der Teil, den sie hasste, der Teil einer Beziehung, wo man dem anderen aus der Patsche helfen musste, wenn die Probleme, die Erwartungen oder die Bedürfnisse des anderen in die eigene, sorgfältig aufgebaute Welt drangen. Das Leben eines anderen konnte eine echte Belastung sein.

Der Vater hat sich nämlich um seine vier Sprösslinge gesorgt und ihnen ein wenig Geld in einem Fonds hinterlassen. Nach seinem frühen Tod und der Wiederverheiratung der Mutter hat dieser Fonds, auf den sie erst zum 40. Geburtstag der jüngsten Schwester Zugriff haben, mythische Bedeutung bekommen. „Das Nest“ nennen sie ihn, und jeder hat insgeheim so seine Pläne mit seinem Anteil gemacht. Aber dann kommt eben alles anders.

Aber letztendlich lief es immer auf dasselbe hinaus: Sie war viel besser darin, allein zu sein, es lag ihr einfach mehr.

Die metaphorische Erlösung, die sich die vier Geschwister von diesem Geld erwarten, tritt nicht ein, und Leo, Jack, Bea und Melody kämpfen alle auf ihre Weise darum, mit dieser Enttäuschung umzugehen. Illegale Geschäfte werden gemacht, Leid und Wut von der Seele geschrieben, und so manche irrationale Handlung gesetzt.

Das Thema hat mich persönlich ein bisschen berührt – das könnte übrigens jedem so gehen, der Geschwister hat -, und ich habe den Roman sehr gerne gelesen. Die Figuren sind sehr plastisch geschildert, und die Lebensgeschichten, die D’Aprix Sweeney ausgestaltet, faszinieren. Weitgehend chronologisch erzählt, mit einigen kleinen gedanklichen Rückblenden. Eine schöne Geschichte über den emotionalen Ballast, den wir unseren Herkunftsfamilien verdanken, und die Wege, auf denen wir ihn abschütteln könnten, die aber über Krisen und Stolpersteine führen.

Sie war offen für die Liebe, aber sie kümmerte sich am besten um ihr eigenes Glück.

Geborgenheit findet sich eben nicht im Geld, sondern in einem selbst, und vielleicht in den liebevollen Beziehungen, die wir zu anderen aufbauen. Es hilft, wenn man dabei beachtet, was für Bedürfnisse man selbst hat. Es hilft, wenn kleine Kinder dabei sind. In unserer Familie eben. Aber nur, wenn diese mehr ist als eine Gemeinschaft, die sich um Ressourcen gruppiert, und wenn jede ihre Anspruchshaltungen überdenkt. Der Roman zeigt, wie aus einer solchen Schicksalsgemeinschaft eine Familie wird, die ein Gefühl im Inneren zusammenhält. Manche sind am Ende nicht mehr mit von der Partie, aber das ist wahrscheinlich gut so.

Große Leseempfehlung für ein mittelgroßes Familiendrama in der weißen oberen Mittelschicht der USA! Wem das vom Setting her nicht zu bekannt vorkommt, und an einer sehr intelligenten Aufarbeitung und Lösung des Themas Gefallen findet, der lese dieses Buch. Ja, und die Vögel am Cover machen sich auch sehr schön im Bücherregal, finde ich.

Cynthia D’Aprix Sweeney: 
Das Nest
Klett-Cotta
408 Seiten, ca. € 20.-

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