Gestern habe ich den letzten Teil dieser Trilogie beendet, und ich bin von der Lektüre noch ganz verzaubert.

Der erste Teil, Ein untadeliger Mann, erzählt die Lebensgeschichte eines britischen Richters, Edward Feathers, der den Großteil seines Lebens in Fernost verbringt und exemplarisch für den britischen Gentleman steht. Auf großartige Weise entwirft Gardam hier die Stimmung des jeweiligen Lebensabschnitts: der Aufbruchsschwung der Jugend, die  Melancholie des Alters. Im zweiten Band, Eine treue Frau, wird die Geschichte seiner Ehefrau, Betty, erzählt, und hier kommen einige Details hinzu, die das anscheinend makellose Leben des Ehepaares in ein neues Licht rücken.

Der dritte Teil, Letzte Freunde, ist jenem Mann gewidmet, den Betty neben ihrer Ehe ihr ganzes Leben lang geliebt hat: Terence Veneering. Als Leserin ist man gespannt darauf, alles über diesen geheimnisumwitterten Mann zu erfahren, und wird dann vielleicht ein bisschen irritiert, da der größte Teil des Textes gar nicht von ihm handelt, und nur wenige Kapitel aus seiner Perspektive erzählt sind.

Obwohl mich die Struktur des Buches überrascht und zunächst auch enttäuscht hat, erscheint sie im Ganzen sinnvoll und meisterlich: Eine dritte komplette Version der Geschichte wäre unerträglich langweilig gewesen – das war schon beim zweiten Band ein wenig der Fall. So erleben wir in wenigen Kapiteln Veneerings Kindheit und einige, teilweise neue, Schlüsselszenen aus seiner Sicht. Der Rest widmet sich übriggebliebenen FreundInnen, die sich auch im Alter einrichten müssen, und Erinnerungen an die bereits Verstorbenen austauschen. Manche dieser Unterhaltungen haben bei mir das akute Bedürfnis ausgelöst, in den beiden anderen Bänden nachzulesen, um gewissen Anspielungen nachzugehen bzw. das darin Geschilderte neu zu kontextualisieren.

Streckenweise experimentiert Gardam im dritten Band mit literarischen Mitteln, wenn sie etwa eine drehbuchartige Szene einfügt – hier war mir nicht klar, warum sie das tut.

Trotzdem ist der Abschluss rund und beglückend. Eine Art Happy End besteht vielleicht darin, dass Veneering wie ein romantischer Held stirbt, als er Bettys Andenken verteidigt. Ich glaube, dass Gardam auch Stellung bezieht, wen sie als guten Menschen dastehen lassen möchte: Jenen aus der Ferne liebenden Mann, oder den Ehemann, der in Bezug auf seine Frau vor allem zufrieden ist, dass er sie ein Leben lang besessen hat, auch wenn er sie gar nicht so sehr liebt – und höhnisch auf das unglückliche Leben seines Nebenbuhlers blickt. Und das, wo man nach dem ersten Band wahrscheinlich sehr stark mit diesem Mann mitgefühlt hat. Bettys lebenslange Selbstkasteiung aufgrund eines Versprechens, das sie einfach eine Stunde zu früh gegeben hat, wird dadurch noch einen Hauch tragischer.

Im zweiten Band hätte ich gerne mehr über Bettys Kindheit erfahren, wie es sowohl bei Veneering als auch bei Edward ist. Bettys Leben beginnt literarisch kurz vor der Verlobung mit Edward, und das finde ich recht schwach. Vielleicht wäre damit ihre Entscheidung besser nachvollziehbar gemacht geworden.

Aber vielleicht geht es Gardam im Kern um die beiden Männer? So wie hier ein Schuldirektor zu Veneering spricht:

Feathers wird ein wundervolles Leben haben, und das hat er auch verdient, denn er hatte einen denkbar schlechten Start. Von klein auf ungeliebt. Wohingegen du, mein Junge, wenn ich das recht verstanden habe, ein liebevolles Zuhause und interessante Eltern hattest. Damit kannst du alles überstehen. Fast. Du wurdest geliebt, also wirst du lieben können. Und du wirst dir entgegengebrachte wahre Liebe erkennen können.

Wundervolle Leben werden beide leben. Feathers wird einen Treueschwur als Stütze, als Liebesersatz benutzen, während Veneering allein bleibt, im Wissen, dass er liebt und geliebt wird. Und – fast – alles übersteht.

Es geht in dieser Trilogie um die unsichtbaren Dinge, die unsere Leben bestimmen: Freundschaft, Liebe, Beziehungen, Entscheidungen, Begegnungen. Es geht um das Altern, und den Rückblick aufs Leben, die Kalkulation von Liebe und Verlusten. Sehr oft ist das Buch traurig, dann aber wieder sehr lustig – eine herrliche Balance in der immer liebevollen Beschreibung der alternden ProtagonistInnen. Große Erzählkunst.

Jane Gardam: Ein untadeliger Mann / Eine treue Frau / Letzte Freunde. Hanser Literatur, je ca. € 22.-

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