Ich muss vorausschicken, dass diese Rezension fast alles über den Roman verrät. Den größten Teil der Handlung, das Ende, wichtige Wendepunkte. Aber ich muss mir das Buch von der Seele schreiben. Gestern im Zug hab ich es beendet, und noch im Stehen dort unterwegs hab ich begonnen, meine Gedanken ins Handy zu tippen. Es fesselt und bewegt und löst etwas aus, dieses Buch.

Das Buch berührt mich mehr intellektuell als emotional. McEwan entwirft eine äußerst spannende Versuchsanordnung. Er wickelt ein philosophisches Problem in eine Geschichte, schafft in der Art von Fabeln oder der Bibel ein Gleichnis, in dem man Problemstellung und Lösung nachvollziehen kann. Er lässt ein Gewissen zur Welt kommen, untersucht das Große im Kleinen:

Darwin untersuchte acht Jahre lang Seepocken. Und später, im weisen Alter, Regenwürmer. (…) In eine Nussschale eingesperrt sein und in zwei Zoll Elfenbein oder einem Sandkorn die ganze Welt sehen. Warum nicht, wenn alle Literatur, alle Kunst, alles menschliche Trachten nur ein Staubkorn im Universum des Möglichen ist.

Die Erzählperspektive wird in jeder Beschreibung des Romans erwähnt, weil sie ebenso radikal wie bestimmend für die Erzählung ist. McEwan lässt ein ungeborenes Kind – es wird im Verlauf klar, dass es ein Bübchen ist – sprechen.

Er schafft einen Erzähler, der vorgibt ein Embryo zu sein, aber gleichzeitig sehr viele Dinge weiß, die er gar nicht wissen kann. Stellenweise erwähnt McEwan, woher dieser kleine Erzähler seine Informationen hat, aber diese Erklärungen sind sehr lückenhaft. Ich habe den Eindruck, dass der Autor dieses Unterfangen nicht besonders ernst nimmt und sich auch gar nicht bemüht, eine vollkommen plausible Position einzunehmen. Ich meine: Tiefgehendes analytisches Wissen um die politische Situation in Europa durch das Anhören einiger Podcasts? Come on. Wie kann ein Embryo Weinkenner sein und durch die Nabelschnur Weine degustieren, Vorlieben für bestimmte Sorten und Lagen eines bestimmten Weinguts entwickeln? Ach ja:

In so mancher langen, ruhigen Nacht habe ich meiner Mutter einen heftigen Tritt verpasst. Sie wurde wach, konnte nicht wieder einschlafen und tastete nach dem Radio. Grausam, ich weiß, aber am Morgen waren wir beide besser informiert. Außerdem hört sie sich mit Vorliebe Podcasts an: Hörbuch-Ratgeber – Werde Weinkenner in fünfzehn Folgen -, Biographien von Dramatikern des siebzehnten Jahrhunderts oder Klassiker der Weltliteratur. Bei James Joyces Ulysses schläft sie ein, obwohl ich hell begeistert bin.

Es handelt sich somit um eine Art allwissenden Schelm-Erzähler, der unumwunden das Zeitgeschehen kommentiert: Identitätspolitiken, Flüchtlingskrise, das postfaktische Zeitalter. Alle kriegen sozusagen ihr Fett weg. Aber es ist gleich. Wir hören jedenfalls fasziniert zu. Und fiebern mit, ob und wie er wirklich ins Geschehen eingreifen kann. Denn das macht die Spannung aus: Er ist in einer Position, die Planung und Durchführung eines Verbrechens an einem ihm sehr sehr nahestehenden Menschen mitzuverfolgen, eine Tat, die sein Leben wesentlich beeinflussen wird, ohne die aus der Kriminalliteratur gewohnten Handlungsoptionen zu haben – etwa die Polizei zu verständigen. Viele Möglichkeiten hat er nicht. Diese nutzt er aber.

Ein informiertes, aber nur sehr eingeschränkt handlungsfähiges Geschöpf. So fühlen wir uns vielleicht manchmal angesichts der politischen und wirtschaftlichen Geschehnisse und Verhältnisse. Und wo manche den Schluss ziehen, nur mit ihrem Tod ein Zeichen setzen und Einfluss nehmen zu können, setzt das Bübchen mit seiner selbstständig eingeleiteten Geburt ein Zeichen und bestimmt damit den Ausgang der Geschichte.

McEwan experimentiert damit, was es heißt, in der Haut einer Mörderin zu stecken, ohne diese Mörderin zu sein. Das Bübchen spürt die Gefühlsregungen der Mutter unmittelbar mit, und kann antizipieren, was sie tun wird:

(Meine Mutter) weiß es vielleicht nicht, aber sie ist Teil einer Bewegung. Ihr Status als Mörderin ist eine Tatsache, ein faktischer Sachverhalt in der Welt außerhalb ihrer selbst. Doch solches Denken ist überholt. Trudy beteuert, dass sie sich für unschuldig hält. Sogar während sie sich bemüht, in der Küche Spuren zu beseitigen, fühlt sie sich schuldlos und ist es folglich auch – fast. Ihre Trauer, ihre Tränen sind Beweis ihrer Rechtschaffenheit.

Heraus kristalliert sich ein Bild für eine Art Hassliebe zwischen Mutter und Sohn schon vom Mutterleib an: Die Ambivalenz, die sie als Lebensspenderin und Mörderin seines Vaters auslöst, muss der ungeborene Sohn lösen: Er begreift, dass er handeln muss, um Gerechtigkeit herbeizuführen in dieser postfaktischen Verwirrung. Er wird ein mündiger Mensch, noch ehe er geboren ist.

Schon als Ungeborenes ist dieses Kind mit existentiellen Fragen konfrontiert: Gerechtigkeit oder Freiheit? Mutter oder Vater? Es entscheidet über das Schicksal seiner Mutter – und damit auch sein eigenes: Wird es das Leben einer Verbrecherin und deren Kind auf der Flucht, oder das Aufwachsen in einer Gefängniszelle? Am Ende fasst McEwan nicht nur das Verhältnis von Sohn und Mutter zueinander zusammen, sondern bringt auch seine Sicht auf die Lage der Welt auf den Punkt. Der Augenblick, in dem Mutter und Kind einander zum ersten Mal ins Gesicht blicken, zugleich der letzte in Freiheit, ist eine Art Klimax:

Mir ist, als sähe ich die ganze Welt in diesem Gesicht. Schön, liebevoll, mörderisch.

Das Gefängnis scheint der Weg zur Läuterung, Stufen, die ins Freie führen:

Erst Gram, dann Gerechtigkeit, dann Sinn.

Ein unglaubwürdiger, aber sympathischer Schelm, der uns unser gegenwärtiges Weltverhältnis vor Augen führt: Viel zu viel vom Elend der Welt mitzubekommen, ohne einzugreifen. Ein Anreiz, uns ab und zu auf das zu besinnen, was direkt vor uns ist, und da zu handeln. Ein höchst moralisches Buch. Gut so.

Ian McEwan: Nussschale. Aus dem Englischen von Bernhard Robben.
Diogenes 2016, 274 Seiten, ca. € 22.-

Schreib einen Kommentar ...

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s