Das Buch ist eine Mogelpackung, aber in der richtigen Richtung: Titel und Cover surfen auf der 50 Shades of Grey-Welle, und der Klappentext erzählt von einer Beziehung, die Züge von SM hat. Aber die Empfehlung von Doris Lessing am Buchdeckel macht neugierig, und beim Lesen erweist es sich als großartiger Text. Die Erzählung beschäftigt sich nicht mit der voyeuristischen Ausgestaltung von Sexszenen – im ganzen Buch gibt es weniger als fünf explizite Schilderungen von Sex. Vielmehr inszeniert Diski ein Umkreisen des Themas in psychologischer Hinsicht und verknüpft das Hineinkippen in diese Art der Unterwerfung mit traumatischen Erfahrungen in Familie und öffentlichen Institutionen. Das, was Außenstehenden als das Gewaltsame an sadomasochistischen Beziehungen erscheint, ist nur ein kleiner Teil dessen, was Diski an dahinterstehender Gewalt aufzeigt.

Sie schildert sehr eindringlich Begegnungen der Protagonistin mit Ärzten und Sozialarbeitern als Patientin, aber auch als Advokatin für einen institutionalisierten Buben. In beklemmenden Szenen schildert sie den Willen zur Machtausübung, den diese Personen gemeinsam haben, ihr Zusammenhalten zum Zweck der Erhaltung oder Steigerung der eigenen Position. Der Preis ist das Wohlergehen der ihnen anvertrauten Kranken oder heimatlosen Kinder.

Obwohl der Roman recht lang ist und Themen verhandelt, die nachdenklich machen und im Magen liegen (Traumatisierte Heimkinder; Depression und Selbstmord; Frauenfreundschaften; Institutionen und Institutionalisierung; One Night Stands und wie man sich Menschen/Gefühle/Nähe vom Hals hält; die Macht bestimmter Institutionen über die ihnen anvertrauten Personen), liest er sich rasend schnell und gut, wie aus einem Guss. Lasst euch von diesem Katalog der Sorgen nicht abschrecken. Stellenweise wird es sogar amüsant, gerade dann, als sich Rachel das Leben nehmen will:

„NICHT REINKOMMEN. ICH HABE MICH UMGEBRACHT“, schrieb sie in großen Buchstaben und betrachtete dann argwöhnisch ihr Werk. „Großer Gott“, stöhnte sie, zerknüllte das Papier zu einem festen Ball und warf ihn durchs Zimmer. Wie konnte man so was ganz locker sagen? „Hallo Michael, wollte dir nur mitteilen, dass ich im Jenseits bin. Vielleicht sehen wir uns dort irgendwann wieder.“ oder: „Bin soeben aus dem Leben abgetreten. Liebe Grüße an Carrie.“ oder: “Bitte reg dich nicht auf, aber…“ Nach drei weiteren Gläsern Whisky lag Rachel kichernd am Boden, während Shamus mit den Papierbällen, die im Zimmer verstreut lagen, Katzenfußball spielte.

Das Ende ist – arg. Framing nennt man das wohl. Sie rächt sich an ihrem Gegenüber dafür, dass er sie nicht lieben will. Oder dafür, dass sie von ihm geliebt werden will. Das bleibt der Interpretation der Leserin überlassen, und möglicherweise ist diese Grenze eine unscharfe.

Ist das nicht unfair von ihr? Er hat ja klar gesagt, welches Spiel er spielt – und sie hat sich drei Jahre lang gerne drauf eingelassen. Ihr einziger Ausweg aus der Sache war, ihn dem „echten Leben“ auszuliefern, wie sie am Schluss zu ihm sagt. Würde es ihr nicht so schwerfallen, Nähe zuzulassen, hätte sie sich viel früher aus der Beziehung mit ihm gelöst. Man könnte aber auch fragen: Reicht es aus, ganz klar zu sagen, dass man eine Beziehung auf dies und das beschränkt, und entschuldigt das dann jedes Verhalten? Ist es fair, zu negieren, dass Beziehungen immer ein dynamisches Element innewohnt? Dass sich aus einem längeren Miteinander-Interagieren mitunter Neues ergibt?

Vielleicht ist es so, dass es einen Befreiungsschlag braucht, um aus einer solchen Verstrickung wieder herauszukommen. Diski lässt uns jedenfalls mit einem starken und nicht völlig klaren Bild davon zurück, wie Gewalt Kreise zieht, und wie schwierig es ist, ein Mensch unter Menschen zu sein.

Wenn dieser Stoff derzeit zwar eher entweder zur Skandalisierung oder Kommerzialisierung (50 Shades) herangezogen wird – die zugrundeliegenden psychischen Dynamiken sind jedenfalls interessant. Küsse & Schläge ist immerhin schon dreißig Jahre alt, und es ist sicher keine allgemein gültige Analyse von SM-Beziehungen, aber ein eindrucksvoller Text über eine starke Frau, der tiefgehende Einblicke in die menschliche Psyche bietet.

Jenny Diski: Küsse & Schläge. Roman, aus dem Englischen von Bettina Runge. Klett-Cotta 2015 (orig. 1986), 362 Seiten. ISBN: 978-3-608-98029-5 ca. € 20.-

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