Dies ist die Geschichte einer Frau, die im Heute Käse verkauft und in einem früheren Leben vielleicht eine irische Königin war. Es ist ein Buch über Frauen, denen Gewalt angetan wird, und die sich nicht direkt rächen können. Ein Geschichte darüber, Wege zu finden und zu verlieren.

Meine Oberschenkel sind meine Freude, ich betrachte sie gern. Sie sind fest und nicht so unscheinbar wie der Rest meines Körpers. Bis auf meine Oberschenkel erscheint mir alles an mir irgendwie fremd.

Stift-Laube schreibt sehr melodisch – der Text ließe sich laut vortragen wie ein Gedicht. Es ist ein kurzer Roman, er liest sich an einem Nachmittag. Trotzdem fühle ich mich erfüllt und zufrieden danach, nicht kurz abgefertigt. Ihre Sprache ist prägnant aber reich, voll warmer und dunkler Bilder, sehr konkreter, erdiger Schilderungen. Sie zeichnet ihre Figuren durch ihre Handlungen, nicht durch Adjektive oder Zuschreibungen.

Ich nehme den Käse und lege ihn auf eine der breiten, marmornen Arbeitsflächen. Ich werfe der Kundin einen fragenden Blick zu, ich forme um ihr Einverständnis heischende Gesten und lächle dazu. Ich schneide den Käse mit dem Käsemesser. Ich verpacke ihn und lasse ihn mir bezahlen. Ich fertige den Käse ab. So geht es immer von vorne. Der befriedigendste Moment ist der, in dem mein Käsemesser durch den Käse gleitet.

Maeve, die Käsehändlerin, ist eingewoben in ein Netz aus Gegenwart und Vergangenheit, aus Gewalt, Macht und Rache. Ein mythische Chor begleitet Maeve ungesehen durch ihre Tage, kommentiert und kommt ihr vielleicht sogar zur Hilfe.

Wir sind der Chor im Hintergrund. Sie sagen uns: Singt andere Lieder! Sie sagen, die Hoffnung stirbt zuletzt. Wir haben keine Lust mehr, zu warten. Wir werden niemals leise und zärtlich sein, wir werden fluchen und grölen und uns nicht mehr schämen. Ganz selbstverständlich sitzen wir nun da, breitbeinig, mit einer Hand im unfruchtbaren Schoß. Wir haben eine andere Bestimmung. Wir singen laut.

Aus diesem Chor sprechen die unangepassten Frauen, die sich wehren, die früh sterben in diesem Kampf, und dennoch weiter hier sind. Sie helfen dabei, eine immer wieder notwendige Geschichte zu erzählen, die vom Frauenleben in mehr oder weniger patriarchalen Gesellschaften, in denen es schwer ist, sich zu wehren und geschützt zu sein.

Beim Lesen komme ich nicht umhin, an einen nur kurz zurückliegenden österreichischen Kriminalfall zu denken, jenen der „Eislady“, der auch Bettina Balaka zu einem Roman inspiriert hat (im Vergleich ungleich ungelenker gelungen). Ein Mensch könnte sich fragen: Wird hier Mord legitimiert? Naja, er wird zumindest hergeleitet. Es ist ein amoralisches Buch, denn es nimmt nicht Stellung – allein durch das Verschmelzen mit der Erzählperspektive werden wir zu Komplizinnen, voller Empathie für das Leiden und die radikalen Auswege, die die Frauen in diesem Buch beschreiten. Einen anderen Ausweg, etwa den, einfach wegzugehen, sich aus dem Einfluss der Gewalt hinauszubegeben, den gibt es hier nicht, weil es kein Außen mehr gibt, wenn die Gewalt in die Frauen selbst eingedrungen ist. Etwas ist geschehen, und es muss gesühnt werden. Wir befinden uns in einer Urzeit, im Mythos, in einem Heldinnengedicht für Frauen, die geschlagen werden, vergewaltigt, misshandelt. Ein Mythos über weibliche Solidarität, der eine extreme Antwort gibt auf die Frage, wo eine geschändete Frau Hilfe findet, wo Erlösung.

Ein machtvolles Gedicht, das mich in seiner Eindringlichkeit an Christa Wolfs ‚Kassandra‘ denken ließ, oder an Naomi Aldermans ‚The Power‘. Ein kurzes, eindrucksvolles Buch.

 

Andrea Stift-Laube: Die Stierin. Wien, Kremayr & Scheriau 2017. 174 Seiten, € 19,90. ISBN: 978-3-218-01068-9

 

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Ein Gedanke zu “Rote Haare // grüne Kleider // schwarze Federn

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