Dies ist mein Buch und ich schreibe es eigenhändig. (…) Ich bin nicht sehr groß und mein Haar hat die Farbe von Milch. Mein Name ist Mary und ich habe gelernt, ihn zu buchstabieren.

Dieses Buch hat mich umgehauen mit seiner Sprache, seiner Geschichte und den Ideen dahinter, und ein bisschen auch seiner hübschen Ausstattung.

Mary ist ein Bauernmädchen in England. Sie arbeitet hart, und sie schreibt einen Bericht über das, was ihr geschehen ist. Ihr Vater, der viele Töchter und keine Söhne hat, schickt sie in den Haushalt des Pfarrers, wo sie sich um seine kranke Frau kümmert. Als diese stirbt, wird sie gebeten zu bleiben. Der Pfarrer bringt ihr Lesen und Schreiben bei – doch das Ganze hat einen bitteren, schweren Preis.

Die britische Autorin Nell Leyshon hat neben Theaterstücken und Libretti bis jetzt vier Romane veröffentlicht, die für wichtige Preise nominiert waren. Sie ist einen Sprachkünstlerin, und die Übersetzerin Wibke Kuhn hat den Text irre schön übertragen. Das Buch ist einer der ersten vier Titel des neu gegründeten Verlags der ehemaligen Piper-Programmleiterin Julia Eisele. Mit diesem Buch ist ihr ein wunderbarer Start gelungen, finde ich.

In einer sehr einfachen, kindlichen Sprache und Interpunktion findet Leyshon undramatische aber eindrucksvolle Bilder für die alltägliche Grausamkeit und die Härte des Alltags.

Du solltest weniger reden und mehr arbeiten, sagte sie. – Und du solltest weniger drauf schauen was andere Leute machen, sagte ich, und lieber selbst mehr machen. Wo bist du denn gewesen? – In der Kirche. – Na davon werden die Tiere auch nicht gefüttert, oder? – Könnte aber auch sein dass Gott dann dafür sorgt dass sie überhaupt Futter haben. – Schau mich an, sagte ich, ich habe diese große Futterkiste rausgezerrt. Ich hab nicht gesehen dass Gott da seine Finger im Spiel hätte.

Wenn ich das Thema des Romans mit einem Wort auf den Punkt bringen sollte, dann wäre das: Schutzlosigkeit. Mary hat keine liebevollen Eltern, diese sind als Kleinbauern viel zu sehr mit dem Kampf ums Überleben beschäftigt. Ihre Schwestern sind nur selten  solidarisch, sondern Konkurrentinnen um das rare Gut der Anerkennung durch die Eltern. Einzig der gehunfähige und wenig handlungsmächtige Großvater ist ihr zugeneigt. Im Pfarrershaushalt findet sie sich von allen möglichen Seiten mit Begehrlichkeiten konfrontiert. Arbeiten, das kann sie, und damit findet sie dort ihren Platz.

Mary hat aber auch eine ganz eigene Gewitztheit, eine hohe Intelligenz und Fähigkeit, Situationen und Verhältnisse zu durchschauen. Dies rettet sie nicht vor dem, was ihr zugefügt wird. Eine Art Rettung liegt nur im Lesen und Schreiben: Mary erkauft sich ihre Stimme, ihre Fähigkeit das Wort zu ergreifen und das Erlebte niederzuschreiben. Der Preis dafür ist sehr hoch, und das Ergebnis ist erschütternd.

Ein Buch über das Schreiben und seinen Preis, über Ausgeliefertsein und Macht. Und über eine sehr zähe, mutige junge Frau. 
Ein eindringliches und radikales Buch, in dem alles unausweichlich so kommt wie es anscheinend kommen muss. Ich habe schon lange nicht mehr eine so nackte, unprätentiöse Darstellung von patriarchalen Gewaltverhältnissen gelesen, die gleichzeitig ein großartiges einfühlsames Drama sind. Für mich ist dies das Gegengift zu romantisierenden Männerfantasien wie Graham Swifts „Ein Festtag“, wo es ja auch um ein Dienstmädchen auf dem Land geht, das Schriftstellerin wird. Es ist ein großartiges Buch, und ihr werdet wirklich froh sein, es gelesen zu haben.

Nell Leyshon: Die Farbe von Milch. Eisele Verlag 2017. 208 Seiten, ca. € 18,-

2 Gedanken zu “Nell Leyshon: Die Farbe von Milch

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