Ein Maler wird von seiner Frau verlassen, fährt ziellos einige Wochen durch die Gegend und lässt sich dann in einem einsamen Haus auf einem Berg nieder. Er gibt Malkurse, trifft Frauen, lernt einen sehr reichen Nachbarn kennen, und in der Nacht geschehen seltsame Dinge.

In der Stille des Wäldchens vernahm ich sogar das Rauschen, mit dem die Zeit verfloss und mein Leben verstrich. Ein Mensch vergeht, ein anderer entsteht. Ein Gedanke vergeht, ein anderer entsteht. Eine Form vergeht, eine andere ensteht. Auch mein sich Tag für Tag vollziehender Verfall barg ein Entstehen. Nichts blieb sich gleich. Und die Zeit ging verloren. Zerfiel hinter mir zu totem Sand und verschwand.

Ja. Wenn dieses Buch kein Murakami wäre, hätte ich möglicherweise gar nicht weitergelesen. Es wird eigentlich erst nach 150 Seiten irgendwie interessant – hier hätte man wohl Einiges kürzen können. Das Buch enthält immer wieder Redundanzen, so als ob es als Fortsetzungsroman für eine Zeitung gedacht wäre. Immer wieder werden Geschehnisse mit den gleichen Worten nochmals erklärt. Wenn das als Stilmittel eingesetzt wird, ist’s ja gut, hier riecht es aber eher nach fehlendem Lektorat. Es gibt viele ziemlich lieb- und farblos geschilderte Sexszenen, und der Protagonist unterhält sich mit einem dreizehnjährigen Mädchen über Brüste und Penisse.

Wenn die Zeit kam, ließ der Klang der Wahrheit die Luft erzittern und fraß sich in das Herz des Menschen, auch wenn er sich beide Ohren zuhielt.

Vereinzelt finden sich solch schöne Sätze und Beobachtungen, und ein paar Mal tritt sein trockener Witz zutage. Ab der Hälfte nimmt das Buch an Fahrt auf und wird zu einer recht vergnüglichen Lektüre. Insgesamt ist es aber ein ziemlich schleppendes Buch, wirklich witzig sind vor allem die Stellen, an denen die im Titel angedeutete Idee auftritt – mehr soll hier nicht verraten sein. Am ziemlich willkürlich wirkenden Ende würde ich gern weiterlesen, aber zwingend den zweiten Band kaufen? Nein. Warum nicht ein wenig kürzen und einen einzigen flotten Schinken daraus machen?

So wie der Protagonist im Buch eine Malkrise hat, die er mithilfe einer spirituellen Erscheinung überwindet, so hat Murakami möglicherweise eine Schreibkrise – auch ihm wird sicher viel Geld nachgeworfen, um neue Bücher zu veröffentlichen. Hoffentlich findet er seinen guten Geist. Und eine durchsetzungsfähige Lektorin.

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore I – Eine Idee erscheint. Übersetzung: Ursula Gräfe. DuMont 2018. ISBN 978-3-8321-9891-6 480 Seiten, ca. € 26,-

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