Der Mensch wäre nicht das erste Wesen, das aus einem Übermaß an evolutionären Vorteilen heraus seine eigene Auslöschung herbeiführte. Nicht mal darin waren wir etwas Besonderes.

Wow. Da liest du ein Buch mit einem schönen Cover an, und plötzlich bist du mitten in deiner eigenen Vergangenheit. Und kannst die halbe Nacht nicht schlafen, weil zuerst das Buch fertig gelesen werden muss, und es dich danach nicht zur Ruhe kommen lässt.

Aber mal langsam, und von vorne: Daniel Galera ist ein brasilianischer Autor, der 2013 im Rahmen der Frankfurter Buchmesse viel Beachtung für seinen Roman Flut bekam. Sein vierter Roman So enden wir spielt in Porto Alegre und Sao Paolo. Die Nachricht von der Ermordung ihres alten Freundes Andrei bringt die Biochemikerin Aurora, den Journalisten Emiliano und Antero, Chef einer Werbeagentur, wieder an einen Tisch. Abwechselnd aus der Perspektive dieser drei Protagonisten erzählt Galera in Rückblenden ihre gemeinsame Geschichte, als sie Teil der digitalen Avantgarde der Jahrtausendwende waren.

Der Roman kreist um Themen der Vergänglichkeit – den Tod eines Menschen, den möglicherweise bevorstehenden Untergang unserer Zivilisation, und vor allem auch die Lebensdauer unserer digitalen Spuren im Netz. Dieses letztere Thema wird aber nicht reißerisch oder in Horrorszenarien angegangen. Galera zeigt vielmehr beiläufig anhand von Beispielen, wie rasend schnell sich unsere Welt und unsere medialen Formen verändert haben.

Eine fünfzehn Jahre alte digitale Datei kam mir genauso seltsam vor wie der vier Milliarden Jahre alte Marsmeteorit, den sie in der Antarktis gefunden hatten, mit mikroskopisch kleinen Fossilien von außerirdischen Bakterien, fast so alt wie das Sonnensystem. Genau wie der Meteorit verwies die Datei auf eine Vergangenheit, die man sich gar nicht mehr vorstellen konnte.

Und längst wissen wir nicht mehr, wo überall Daten von und über uns vorhanden sind. Andreis Testament folgend, werden alle seinen Spuren im Netz gelöscht – und etwas bleibt doch, ein berührendes unfreiwilliges Geständnis, das Emiliano bei seiner Spurensuche im Leben des toten Freundes entdeckt. In den Wochen nach dem Begräbnis versucht er zu ergründen, was der Freund in den letzten Jahren gemacht hat, und was ihn zuletzt beschäftigt hat. Er recherchiert für dessen Biographie, und sucht eine Möglichkeit, ihm eine Art letzten Dialog abzuringen. Und tatsächlich – eine winzige, vergessene Spur führt am Ende zu einer überraschenden, wenn nicht erschütternden Entdeckung.

Wir produzieren ständig mehr oder weniger freiwillig Informationen über das, was uns gefällt, was wir uns wünschen, was wir uns kaufen. All das wird gesammelt und verarbeitet. Galera vergleicht dies mit sadistischen Praktiken eines De Sade, „nicht im herkömmlichen Sinne von grausam, sondern im Sinne der gewollten methodischen Ausschöpfung des Begehrens mittels Techniken der Informationsverarbeitung.“ Alles, „was einmal vage, unbegreiflich und erhaben war“ wird vermessen und systematisch ausgeschöpft. Dies findet einen Ausdruck in einer Szene, die die Masturbationspraktiken eines Protagonisten beschreit. Sehr viel akribische Vorbereitung. Sehr wenig Lust. Es geht überhaupt viel um Sex in diesem Buch – er dient als Strategie der Vergegenwärtigung, wenn man sich wieder mal sehr dringend vergewissern muss, dass man lebt, und dass nicht alles hoffnungslos ist.

All das erscheint aber eher als verzweifelte Aktion Einzelner angesichts der Entwicklung, die die Menschheit im Ganzen nimmt. Diese Menschheit wird über große Strecken mit dem Blick einer Biologin betrachtet – als Art mit merkwürdigen, selbstgefährdenden Eigenschaften:

Es ist schon rührend, wie zerbrechlich der Mensch ist. Millionen von Jahren der Evolution hatten zu Wesen geführt, die unglaublich unangepasst an ihre Umwelt waren, wie unser Leiden an kleinsten Temperaturschwankungen oder einem Mangel an irgendwelchen Stoffen zeigte, eine geradezu beschämende Empfindlichkeit gegen jede Art von Klimabedingung und Kontakt mit bestimmten Materialien und anderen Organismen, ganz zu schweigen von der noch beschämenderen Empfindlichkeit unseres Geistes gegen allen möglichen Quatsch, gegen die Angst, gegen die Hoffnung.

Eine nicht sehr lebenstaugliche Spezies also, und mit ziemlich fehlgeleiteten Absichten. Meint zumindest Aurora. Sie sehnt sich im Angesicht der drohenden Katastrophe nach weniger. Kinder in die Welt zu setzen steht nicht zur Debatte, und die ganze Menschheit sollte besser schrumpfen. Aber damit steht sie ziemlich alleine da.

Die Wissenschaft war der Vergaser in dieser immer schneller werdenden Welt mit immer mehr Menschen, die immer länger lebten und mehr Dinge konsumierten, produziert von einer Industrie, die ebenfalls von der Wissenschaft unterstützt wurde, und die Ideologie dahinter war mehr Profit, klar, aber auch mehr Leben, mehr und mehr Leben.

Dystopien findet man heute allerorten – im Sachbuchbereich machen sie derzeit gefühlt die Mehrheit der neu erscheinenden Titel aus. Auch in der Literatur werden Ängste aufgegriffen, die uns umtreiben. Ich denke etwa an Simone Hirths Bananama, in dem das Aussteigerleben zur Falle wird, und seltsame unerklärliche Dinge in die Idylle eindringen. So wenig Literatur eine Lösung für die Probleme anbieten kann, denen sich unsere Weltgesellschaft stellen muss, so kann sie zumindest Sensor sein und Stimmungen festhalten. Das gelingt Galera wirklich großartig.

Wieviele persönliche Themen dieses Buch streift, ist eigentlich erstaunlich. Vielleicht zeigt es aber nur, dass sich Leben in Wien und Porto Alegre in einer bestimmten sozialen Schicht um die Jahrtausendwende nicht besonders unterschieden haben. Die Ähnlichkeit von Jugend- und Internetkulturen um die Jahrtausendwende fand ich berührend, ich fand mich zurückkatapultiert zu ähnlichen Sorgen, Freuden und Ärgernissen. Das Buch lebt von diesem leicht nostalgischen Blick auf eine Zeit, als eine gewisse Aufbruchsstimmung und Optimismus herrschten, die sich innerhalb von weniger als zwei Jahrzehnten in ein Gefühl der Bedrängnis und Dystopie verwandelt haben. Das Ende ist zwiespältig – einerseits erscheint die Nähe zwischen Menschen als Hoffnung:

Solange diese Art von Energie existierte, dachte ich, bevor ich einschlief, solange ein paar von uns sie noch in sich spürten, auch wenn wir sie gerade nicht nutzten, würde unsere Welt weiterbestehen.

Andererseits werden dem düstere Andeutungen gegenübergestellt. Leben und Tod sind verquickt, und vielleicht müssen wir uns wie Aurora auf die Suche nach einem mythischen Tier machen – jeder eben auf seine Art – um Orientierung zu gewinnen in stürmischen Zeiten. Man kann ja mal damit anfangen, dieses Buch zu lesen.

Daniel Galera: So enden wir. Roman, Suhrkamp 2018. 232 Seiten, ca. € 22,- ISBN: 978-3-518-42801-6

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