Eine Frau verwandelt sich bei einem Waldspaziergang in einen Fuchs. David Garnett beschreibt, wie sich die englische Dame, die zuerst nur äußerlich zum Tier geworden ist, Schritt für Schritt auch innerlich verwandelt. Zunächst trägt sie noch Seidenjäckchen über ihrem Fell und verlangt nach klassischer Musik, dann blickt sie Vögel mit ganz anderen Augen an, bis sie schließlich ganz das Leben einer Füchsin führt. Animalische Instinkte verdrängen hier buchstäblich die angelernte Kultiviertheit.

David Garnett inszeniert in diesem kurzen Roman eine fabel-hafte Begebenheit, die man als Allegorie auf den Ausbruch aus gesellschaftlichen Konventionen lesen kann. Garnett war Teil der Bloomsbury-Gruppe rund um Virginia Woolf und führte selbst ein einigermaßen unkonventionelles Leben. So heiratete er die Tochter seines ehemaligen Geliebten Duncan Grant, nachdem er dies schon bei ihrer Geburt angekündigt hatte.

Die Geschichte wird durchgehend aus der Sicht des Ehemannes geschildert, der in einer Achterbahnfahrt der Gefühle die Verwandlung seiner Frau verfolgt. Er wendet sich immer mehr von anderen Menschen und den Konventionen der Zivilisation ab, lebt nur für die Momente, die er mit ihr verbringen kann. Er verzweifelt nahezu an seiner Liebe und Treue zu ihr und stirbt fast beim Versuch, sie vor einer Meute von Jagdhunden zu beschützen. Es ist also weniger ein Roman über die Verwandlung einer Frau, als über einen Mann, der in seiner Liebe sehr, sehr weit geht. Die merkwürdig gelassenen Reaktionen der Außenwelt auf die Geschehnisse deuten auf den phantastischen Charakter der Erzählung hin und auch darauf, dass es dem Autor darum geht, vor allem diese Entwicklung zu schildern.

Aus heutiger Sicht könnte man darin vielleicht eine Allegorie auf Polyamorie oder offene Beziehungen sehen. Mit sehr viel Interpretationsfreiheit und ohne genaue Kenntnis seiner Biographie könnte ich mir vorstellen, dass die Füchsin für den Geliebten Duncan steht, der beschließt zu heiraten. David/Richard Tebrick wird dann zu einer Art Freund der Familie, der regelmäßig zu Besuch kommt, mit den Fuchskindern spielt und zu manchen von ihnen eine besondere Beziehung aufbaut (seine spätere Frau…). Dieses harmonische Verhältnis gerät nur dann ins Wanken, wenn die Partnerin von Duncan, im Buch der männliche Fuchs, ins Spiel kommt – hier setzt plötzlich die Eifersucht ein. Eine Situation, die vielleicht jenen vertraut ist, die Erfahrungen mit offenen Beziehungen haben – wenn sich der geliebte Mensch jemand Anderem zuwendet, die Liebe zwischen den ursprünglichen Partnern nicht nachlässt, sich jedoch die Umstände und die Lebbarkeit verändern. Dies kommt am stärksten in jenen Szenen zur Geltung, wenn der Protagonist seine Füchsin im Wald besucht, mit ihren Fuchsjungen spielt und starke Eifersucht auf seinen „Nebenbuhler“, einen Fuchs, empfindet. Letztlich kann nur der Tod ihn von der Sorge um die Geliebte und von der Last befreien, sie trotz allem weiter lieben zu wollen.

Garnetts Roman erschien im Original 1922, ist aber auch heute sehr gut lesbar. Die Schilderung von Gefühlen ist subtil und nachvollziehbar, und die schrittweise Verwandlung der Dame zur Füchsin sehr schön gezeichnet. Eine kleine Kostbarkeit.

David Garnett: Dame zu Fuchs. Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch. Originaltitel: Lady into Fox. 160 Seiten. Leinen. ca. € 17,- ISBN 978- 3-03820-026-0

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