Es gibt sehnlich erwartete Bücher, die schon auf den ersten Seiten enttäuschen. Es gibt Bücher, die, zufällig in die Hand genommen, zu einem großen Lebensschatz werden. Und dann gibt es ganz selten Bücher, die einen reicher beschenken, als man erhofft hat.

Nichts kann im Schreiben zurückgeholt, aber alles erfahrbar werden.*

Verzeichnis einiger Verluste nennt die Buchgestalterin Judith Schalansky ihr Buch, sie lässt es fadenheften, kleidet es in ein diffus dunkelgrau-silbern gepunktetes Papier und versieht es mit Illustrationen, die nur bei Tageslicht erkennbar sind und sonst mit dem schwarzen Papier verschwimmen. Eine Freude, das schön typographierte Buch in der Hand zu halten.

Und dann der Inhalt. Das Buch enthält neben Vorbemerkung und Vorwort zwölf Vignetten, die sich mit verschwundenen Dingen beschäftigen: dem kaspischen Tiger, einem Gemälde von Kaspar David Friedrich, den heiligen Büchern des Mani, dem Berliner Palast der Republik etc. Schalansky findet für jedes Kapitel eine eigene Perspektive, Sprache und Textgattung. Da gibt es eine Erlebniserzählung aus der Ich-Perspektive, Fabeln und Fieberträume, die Schilderung eines Spaziergang ganz in der Tradition (romantischen) nature writings, historische Skizzen und eine phantastische Geschichte sowie einen Brief an eine imaginäre Geliebte.

Warum sollten Erinnerungen nicht ebenso auf ihre Bestandssicherung, Selbsterhaltung und Fortzeugung drängen wie Organismen? Schließlich war wohl kaum etwas so ungeheuerlich wie die Macht der Bilder, des einmal Gesehenen.

Judith Schalansky gibt vor, von Verlorenem zu erzählen. Tatsächlich sind die Themen der Kapitel oft nur Aufhänger, um abzuschweifen. Dies hat einige Leser*innen irritiert und verärgert, mich hat es nicht gestört. Ich wollte das Buch nie als Sachbuch lesen sondern als literarische Expedition. Und das ist sie auch – Schalansky schreibt nämlich über Strategien, die der Mensch dem Vergessen, Vergehen und Sterben entgegen setzt. Ganz deutlich wurde mir dies erst in der letzten Geschichte, wo ein Mann auf den Mond gelangt, und dort als Archivar versucht, das Leben auf der Erde zu katalogisieren und bewahren. Es ist ein Bericht des Scheiterns beim Versuch, ein System des Bewahrens zu finden, und der Leidenschaft, mit der wir Menschen uns diesem Tun dennoch widmen. Die Absurdität des Archivierens wird auf die Spitze getrieben und schließlich aufgegeben. Ein schönes Bild, dass dieses Archiv auf dem Mond (natürlich auf der dunklen Seite) beheimatet ist – der Begleiter (oder die Begleiterin, je nach Sprachfamilie) der nächtlichen Poetinnen und ruhelosen Kreativen.

Die Entzauberung der Welt war letztlich das größte aller Märchen.

Ich habe das Buch Stück für Stück sorgsam gelesen – nach jedem Kapitel muss eine kurze Pause eingelegt werden, vielleicht wird erst am nächsten Tag das folgende aufgeschlagen. Die Miniaturen fühlen sich so kostbar an und sind so unterschiedlich in ihren Themen und ihrer literarischen Ausgestaltung, dass es Zeit braucht. Ich habe mir und dem Buch diese Zeit gerne gewidmet.

In der Nachschau ergeben alle Kapitel einen Zusammenhang und werden wirklich zu einem Verzeichnis – nicht zu einem Verzeichnis der Verluste, sondern zu einem Katalog menschlicher Versuche, Dinge vor dem Verlierengehen zu bewahren, Lebensäußerungen eine Form zu geben und der Vergänglichkeit allen Seins entgegen zu wirken, aber auch den verschiedenen Unternehmungen, die Natur zu unterwerfen, zu beherrschen und zu katalogisieren.

Da geht es um große Versuche der Welterklärung, Entdeckungsfahrten, Taxonomien, die Obsession des Sammelns, Versuche des Abbildens, Ausgrabungen als Rekonstruktion der Geschichte und Identitätsprojekt für die Gegenwart und Kindheitserinnerungen als Rekonstruktion der ersten Bilder, an die man sich erinnert, um Poesie und die Zurschaustellung des Sterbens. Dies alles ist geschrieben vor dem Hintergrund kulturwissenschaftlicher Diskussionen über Wissens- und Aufschreibesysteme und Repräsentationen, Identitätspolitik und vielem mehr.

Im dritten Kapitel beschreibt Schalansky ihre Frustration bei dem Versuch, Monster oder Fabeltiere zu katalogisieren und ein Werk über Kryptozoologie zu schreiben. Vielleicht ist dies ja die Entstehungsgeschichte des Buches.

Die Wurzel des Künstlerischen ist der Mangel. Kunst ist eine Kompensation für Leerstellen. Sie überführt sie in etwas, das kein Mangel mehr ist.*

Im November 2018 stellt Judith Schalansky ihr Buch im Literaturhaus Wien vor. Im Gespräch mit Katja Gasser spricht sie unter anderem darüber, dass sie sich immer schon von den räudigen Ecken angezogen fühlte, vom Randständigen, vom Unperfekten. Ihre Heimatstadt Greifswald wurde in der DDR dem Verfall preisgegeben. Ruinen vermitteln ihr ein Gefühl von Zuhause, sind aber auch romantisch-utopische Orte. Ich kann das gut nachvollziehen, und ich glaube nicht, dass das vom Aufwachsen in Ostdeutschland kommt, wie Schalansky meint. Ich bin in der Zuckerbarockstadt Salzburg aufgewachsen, und mich ziehen diese vernachlässigten Ecken ebenso an. Wohl auch deshalb, weil hier Platz ist für die Imagination, und aus dem Wilden, Imperfekten etwas Neues entstehen kann. Der Mangel in einer Seele und der Mangel im Äußeren verbinden sich dann vielleicht zu etwas Ganzen, etwas ganz Neuem.

Sich nicht ausruhen in dem, wie man denkt, was die Welt ist.*

Manche Rezensent*innen haben sich an der Sprache Schalanskys gestoßen – sie sei zu affektiert, bildungsbürgerlich und anspruchsvoll, sie verwende zu viele unbekannte Wörter. Darauf kann ich nur sagen – wer etwas, das er nicht gleich versteht, nicht als Herausforderung und Chance, etwas Neues zu lernen, begreift, sondern als Arroganz oder Zumutung, der tut mir ein bisschen leid und soll sich doch einfach an soziale Medien halten, wo ihm mundgerechte Happen von algorithmisch ausgewählten Dingen reingedrückt werden. Viel Spaß in der Blase. Ich sage das vielleicht auch mit einer gewissen Arroganz, aber ich finde die Kritik einfach nicht gerechtfertigt, da die sprachlichen Mittel, die Schalansky einsetzt, perfekt zu Inhalt und Absicht des Buches passen.

Heute öffne ich keine Post mehr. Ich kenne seit Jahren niemanden, so ist das. Früher kam noch der Postbote einmal die Woche, um nachzusehen, ob ich noch lebe. Jetzt kommt die Post nicht mehr. Ich mache Briefe auch nicht auf. Man weiß ja nie, was da drinsteht. Womöglich schreibst du, dass du nicht mehr kommen willst. Was soll man darauf antworten? Außerdem würde ich ja doch irgendwann merken, was dringestanden hat.

Beherrschung und Festhalten fallen wie in eins in diesem Buch. Die menschlichen Versuche in dieser Richtung erweisen sich alle als zum Scheitern verurteilt. Verloren geht das Meiste trotzdem, wir können das Verrinnen der Zeit nicht aufhalten. Wir können uns nur Geschichten erzählen und diese weitergeben. So lange, bis auch diese zu Staub zerfallen und in den ewigen Kreislauf des Lebens eingehen. Traurig. Aber gut so – denn nur aus dem Staub entsteht wieder neues Leben.

Und wenn ich als Buchhändlerin möglichst viele der 80.000 Bücher, die pro Jahr im deutschen Sprachraum erscheinen, in mein Geschäft holen und so dazu beitragen will, dass sie nicht vergessen werden, dann ist das ein ähnliches Bestreben. Und dieser Blog? Versucht im Grunde dasselbe. Also Danke fürs Lesen!

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Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste. Suhrkamp 2018. 252 Seiten, ca. € 24,- ISBN 978-3-518-42824-5 (Die Buchnummer ist ein Palindrom aus meinen Lieblingszahlen… )

* Die mit Sternchen gekennzeichneten Zitate sind Aussagen von Judith Schalansky im Gespräch mit Katja Gasser im Literaturhaus Wien am 9.11.2018.

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